Interview: Wieso ist Bewegung in der Natur gesund?

Ein paar Mäusen bei Wasserfällen ist es zu verdanken, dass Univ.-Doz. Dr. Arnulf Hartl, Leiter des Instituts für Ecomedicine an der Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Salzburg, nun die Auswirkungen von Bewegung in der Natur erforscht. Das Résumé bisher: Wandern bzw. die Bewegung in der freien Natur wirkt. Was dabei wie wirkt, bei welchen Beschwerden es besonders sinnvoll ist und warum Abwärtsgehen gut für den Körper ist, hat er uns im Gespräch verraten.

Sie untersuchen die Auswirkungen des Wanderns. Wie sind Sie dazu gekommen?

Das ist ein seltsamer Knick in meiner Lebensgeschichte: Ich habe vor 10 Jahren als Impfstoffforscher den Auftrag bekommen, die Krimmler Wasserfälle auf ihre Gesundheitswirkung zu untersuchen, was ich damals leicht spöttisch wahrgenommen habe. So bin ich mit Mäusen bei den Krimmler Wasserfällen gestanden, ohne mit einer Faser daran zu glauben, dass es eine Wirkung auf Allergie und Asthma haben könnte. Nach 800 Mäusen war ich überzeugt, dass da etwas wirkt. Wir haben dann 450 asthmatische Kinder an den Wasserfällen exponiert - und die Wirkung war dieselbe wie bei den Mäusen: Allergisches Asthma blieb nachhaltig - also für eine Dauer von vier Monaten, länger haben wir es nicht untersucht - verschwunden. Das hat meine medizinische Neugier und meinen Forschereifer geweckt. Und seitdem untersuchen wir kontinuierlich den Wirkungsfaktor Natur. So ist das Institute for Ecomedicine entstanden, im Rahmen dessen wir entlang der großen Zivilisations- und chronischen Erkrankungen wie Rückenschmerzen, Osteoporose, Burnout, Allergien und Asthma forschen - und wir wurden praktisch noch nie enttäuscht. Wandern respektive die Bewegung in der freien Natur wirkt.

Was passiert im Körper beim Wandern?

Die Lunge weitet sich, das Herz pumpt schneller und wir werden besser mit Sauerstoff versorgt. Dadurch werden auch neuronale Prozesse angeregt. Es gibt einige Beweise dafür, dass man sich nach Bewegung besser konzentrieren kann. Unser Hirn bleibt aktiv, solange wir in Bewegung sind. Das ist die psychomotorische Achse. Sobald ein Mensch aufhört, sich zu bewegen, schleicht er der Unausweichlichkeit, also dem Tod, entgegen. Das Faszinierende für mich ist, dass die Natur den ganzen Effekt noch verstärken kann. "Green Exercise" ist das Stichwort: Man kann durch Bewegung in der Natur noch stärkere Effekte hervorrufen als durch Training in der Kraftkammer.

 

Was sind die Unterschiede zwischen einer Bergwanderung und einer Wanderung in der Ebene?

Die Muskulatur wird anders trainiert. Beim Abwärtsgehen hat man Schläge auf das Knochen- und Knorpelgewebe - das lässt das Gewebe wachsen. Je stärker der Impact, umso mehr wächst das Gewebe. Es werden auch ganz andere Muskelpartien gefordert. Gerade was das Knie als zentrales Gelenk betrifft, ist das Abwärtsgehen ein wunderbares und heilsames Medium. Daher ist das Abwärtsgehen - ganz im Gegensatz zu dem, was man gemeinhin hört - gut! Außerdem ist die Luftqualität in den Bergen besonders hoch. Wenn man die Feinstaubkarte von Europa betrachtet, ist der Alpenraum eine grüne Lunge inmitten eines Meeres von Feinstaub - und Feinstaub ist ein Killer. Ein Prozent mehr Feinstaub bedeutet eine zehnprozentige höhere Mortalität in der Bevölkerung. Im Alpen- und Voralpenraum hat man noch eine Luftqualität, die man in städtischen Agglomeraten niemals haben könnte.

Gibt es Unterschiede zwischen Wandern in unberührter Natur und einer vom Menschen veränderten?

Das ist momentan der heilige Gral der Forschung. Die Wissenschaft weiß dazu noch ausgesprochen wenig. Daher machen wir gemeinsam mit dem Institut für Sportpsychologie der Uni Innsbruck und dem Alpenverein eine Studie, die ganz gezielt die Wirkungen von anthropogen beeinflusster Natur und anthropogen unbeeinflusster Natur untersuchen soll. Wir wollen also schauen, ob es Unterscheide zwischen "Natur-Natur" und artifizieller Natur gibt. Wenn Naturschutz eine medizinische Kausalität hätte, dann würde er einen wesentlich höheren Stellenwert haben müssen.

Wandern wäre zum Beispiel auch die beste Paartherapie, denn ein gemeinsamer Bergurlaub wirkt auf Paare 240 Tage nachhaltig positiv auf die Beziehung.

Univ.-Doz. Dr. Arnulf Hartl

Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller hat einmal gesagt: "Wenn es eine Tablette gäbe, die all das bewirkt, was drei Mal Wandern pro Woche bewirkt, wäre das die mit Abstand erfolgreichste Medikation, die es auf der Welt je gegeben hätte." Ihre Meinung dazu?

Das kann man so sagen, allerdings würde ich das Wort Wandern durch Bewegung ersetzen. Wenn ein Mensch dazu neigt, Tennis zu spielen oder seine Kalorien durch Mountainbiken zu verlieren, soll er Tennis spielen oder Mountainbiken gehen. Wobei man schon sagen muss, dass dem Wandern durch die Natürlichkeit der Bewegung eine gewisse Eigenheit innewohnt. Es ist die natürlichste und älteste Form der Bewegung. Dennoch würde ich nicht sagen, dass andere Sportarten nicht genauso sinnvoll wären. Die Freude, die man bei einer Tätigkeit empfindet, hat großen Einfluss auf "Compliance" und "Adherence", auf Deutsch: Man macht’s überhaupt und bleibt dabei.

 

Wandern auf Krankenschein - was denken Sie darüber?

So etwas ist immer nur im Kurkontext möglich, also bei schon erkrankten Patientinnen und Patienten auf Rehabilitation. Ich denke, es sollte auch als Präventionsmaßnahme auf Krankenschein verschrieben werden, aber so weit sind wir noch nicht. Es wäre zum Beispiel auch die beste Paartherapie, denn ein gemeinsamer Bergurlaub wirkt auf Paare 240 Tage nachhaltig positiv auf die Beziehung. Man kann hier unheimlich viel in viele Richtungen machen. Nicht zu vergessen, dass Wandern die Möglichkeit bietet, in die Seelenlandschaft eines Landes zu gehen.

 

 

Bilder: Florian Lechner, Mattia Bonavida, Sportalpen, Daniel Meissner